VIER PFOTEN App nun für Iphone/Ipad und Android erhältlich


VIER PFOTEN App Download für
AndroidAndroid

IphoneIphone

«Einmalige Chance, Bären in artgerechter Haltung zu erleben»


 

Am Donnerstag, 31. August 2017 war Spatenstich für das Arosa Bärenland. Julie Stillhart, Länderchefin von VIER PFOTEN Schweiz, zeigt sich im Gespräch mit der «Aroser Zeitung» überzeugt, dass an der Mittelstation der Weisshornbahn «die führende Bärenanlage in der Schweiz» entstehen wird.


Aroser Zeitung»: Sieben Jahre nach der Idee gab es vergangene Woche den Spatenstich das Arosa Bärenland. Gab es in dieser Zeit auch mal Momente, in denen Sie gedacht haben: «Das wird nichts mehr»? Was hat Sie dennoch zum Weitermachen motiviert?

Julie Stillhart: Ein solch umfangreiches Projekt wie ein Bärenschutzzentrum benötigt stets viel Zeit an Vorbereitung und Planung, und man sieht sich  so die Erfahrung von VIER PFOTEN über die Jahre stets mit eine Vielzahl an rechtlichen und praktischen Hürden konfrontiert, die einen zweifeln lassen können. Was uns aber definitiv immer zum Weitermachen motiviert hat, war die breite Zustimmung der Aroser Bevölkerung zu diesem Projekt: Fast 80 Prozent der Einwohner von Arosa haben im vergangenen Jahr für die Realisierung des Projekts gestimmt. Das hat uns enorm beflügelt und darin bestärkt, dieses einmalige Projekt in der Ferienregion Arosa Lenzerheide umzusetzen.


VIER PFOTEN stellt stets den Tierschutzaspekt in den Vordergrund. Warum ist Ihre Arbeit gerade bei den Bären aus diesem Grund so wichtig?

Seit mehr als 20 Jahren ist die Rettung von Braunbären aus schlechten Haltungsbedingungen ein zentraler Schwerpunkt der Tierschutzarbeit von VIER PFOTEN. Allein in Europa leben nach wie vor noch hunderte Bären in nicht artgemässer und zum Teil auch illegaler Haltung. Sie werden also teilweise ohne behördliche Genehmigung und trotz des bestehenden Verbots der privaten Bärenhaltung gehalten. Vielerorts werden die Tiere auch zur Unterhaltung von Touristen oder zu Werbezwecken missbraucht. Ziel von VIER PFOTEN ist es, diese nicht artgemässe und zum Teil grausame Haltung von Braunbären zu beenden bzw. die schlimmsten Haltungsformen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungen und Behörden gesetzlichverbieten zu lassen.


Was sind die Voraussetzungen für eine Bärenrettung durch VIER PFOTEN?

Bei der Rettung von Braunbären setzt VIER PFOTEN stets auf die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungen und Behörden, um langfristige Lösungen  das heisst gesetzliche Grundlagen und allgemeine Standards für die artgemässe Haltung von Braunbären  zu schaffen. In der Regel geht einer Bären-rettung zunächst ein Verbot der grausamen Haltung von Bären in dem jeweiligen Land voraus. Um ein Beispiel zu nennen: Erst das Verbot der privaten Haltung von Bären als«Haustiere» im Kosovo im Jahr 2011 machte es VIER PFOTEN möglich, dort aktiv zu werden, denn erst das gesetzliche Verbot machte eine Konfiszierung und Rettung sämtlicher Restaurantbären und somit eine nachhaltige Lösung der Haltungsproblematik dort möglich. VIER PFOTEN übernimmt somit nur Bären, die auf gesetzlicher Grundlage konfisziert oder die freiwillig von ihrem Halter abgegeben wurden. Kompensationszahlungen an die Halter lehnen wir ab.


Wie wird das nächsten Sommer eigentlich genau ablaufen?

Eine Bärenrettung bzw. ein Transport von Bären in unsere Bärenschutzzentren ist stets mit hohem bürokratischen und logistischen Aufwand und hohen Kosten verbunden. Liegen alle notwendigen Papiere für den Transport des Tieres vor, wird der Transport in der Regel von dem Team des Bärenschutzzentrums vor Ort oder speziell vom Team des Tanzbärenparks Belitsa durchgeführt, welches über eine spezielle Bärenambulanz verfügt, die auch für Langstreckentransporte lizenziert ist. Neben Mitarbeitern der Bärenschutzzentren (i.d.R.(Chef -)Tierpfleger, Site Manager, Fahrer) begleiten ausserdem ein bis zwei professionelle Veterinäre jeden Transport und überwachen den Allgemeinzustand der Tiere vor, während und nach der Narkose bzw. während des Transports. Die Bären werden in der Regel kurz betäubt, um sie untersuchen und in die Transportkiste verladen zu können. Für den Transport selbst müssen sie jedoch wach sein, um ein Ersticken während der Fahrt zu verhindern.


Und was passiert nach der Ankunft?

Im Bärenschutzzentrum angekommen, kommen die Tiere in der Regel zunächst in eine Quarantänevorrichtung; hier können sie sich ungestört von den Strapazen der Reise erholen und schrittweise an ihre neue Umgebung gewöhnen. Erst wenn der gesundheitliche Zustand und das Verhalten des Tiers es zulassen, wird der Bär in eines der Aussengehege im Park entlassen. Eine Vergesellschaftung von Tieren erfolgt in der Regel später, meist im Frühjahr.


Können sich diese geschundenen Tiere überhaupt an ein solches Leben in der (wenn auch eingezäunten) Natur gewöhnen?

Die Erfahrungen in unseren fünf Bärenschutzzentren haben gezeigt, dass sich die Mehrheit der geretteten Bären gut von den Strapazen ihrer früheren Haltung erholt und stetig Fortschritte macht; so reduzierten sich die Verhaltensanomalien bei den meisten Bären bislang deutlich. Viele der Bären halten sogar Winterruhe, was ein sehr gutes Zeichen ist für ihre Genesung.


Blicken wir auf die Seite der Besucher – wenn eine Lehrerin fragt, warum sie mit ihrer Klasse das Bärenland in Arosa besuchen soll, was würden Sie ihr antworten?

Im Arosa Bärenland werden die Besucher die einmalige Chance haben, Bären in artgemässer Umgebung zu erleben und ihnen ganz nahe zu sein  ohne dass die Tiere dadurch in ihrem selbst gewählten Tagesablauf beeinträchtigt werden. Zusätzlich wird es viele spannende, interaktiv gestaltete Informationen zum Thema Bären sowie einen Erlebnisweg und eine Aussichtsplattform geben. Die Anlage übertrifft hinsichtlich der Grösse alle bekannten Bärenanlagen in der Schweiz und erlaubt zusammen mit ihrer Grundstruktur die Erstellung einer einzigartigen, führenden Bärenanlage in der Schweiz.

 

Ein Interview von Uwe Oster, Redaktionsleiter Aroser Zeitung, mit Julie Stillhart, Länderchefin VIER PFOTEN Schweiz, erschienen in der Aroser Zeitung am 8. September 2017.


drucken